Tim Barry - 40 Miler

Tim Barry - 40 Miler

Die Frage, die im Raum steht ist ja, ob jemand, der sein letztes Album mit einem so todtraurigen und melancholischen Abschiedssong wie "With Ease I Leave" ausstattet noch einmal wiederkommen darf und kann? Im Falle Tim Barrys und seines vierten Albums "40 Miler" ist die Antwort ein riesengroßes Ja!

Zu viel wäre verloren gegangen, hätte der ehemalige Avail-Sänger die 13 neuen Tracks für sich behalten, denn "40 Miler" ist eins der besten Alben, die ich seit sehr sehr langer Zeit von einem Künstler gehört habe. Der Richmonder schafft es wunderbar Emotionen rüber zu bringen, die mal ermutigend und treibend sind, mal eher nachdenklich und hin und wieder ist da auch wieder Barry's ureigene Melancholie zu spüren.

Stücke, wie das wunderschöne "Wezeltown" und das sehr nachdenkliche, aber grandiose "Driver Pull" bieten einen perfekten Einstieg ins Album, bis mit "40 Miler" ein kleine, aber wütende Abrechnung mit all jenen bietet, die das Buisness als Buisness sehen. "If you can't play, then dance!". Noch dazu hat der Song mehr Südstaaten-Flair als so manch ein Musiker je haben wird, der meint, es reicht Lynryd Skynryd zu covern.

Und auch weiterhin bleibt die Qualität extrem hoch, das Duett "Adele and Hell", für das er sich Unterstützung der Richmonder Sängerin Julie Karr geholt hat ist ein großes Stück Musik, unterstützt weiterhin mit elektronischer Gitarre, was für Barry eher ungewöhnlich ist. Wie überhaupt das ganze Album sehr "extravagant" instrumentiert ist, zumindest für Tim BarrysVerhältnisse.

Das anschließende "Shed Song" ist wieder ein Rückfall in diese wunderschöne, zum weinende Traurigkeit, die Barry innerhalb weniger Takte entfalten kann. Gänsehaut-Feeling innerhalb kürzester Zeit! Das "Banker's Dilemma" geht dann wieder in genau die entgegengesetzte Richtung: Eine Abrechnung mit der materialistischen Gesellschaft und der Aussage, dass man es feiern sollte, wenn man etwas dieser Welt verliert.

Mit der wundervollen Mundharmonika-Improvisation "Train Impro" folgt dann der Auftakt zum vielleicht schönsten Stück der Platte "Hobo Lullaby"; eine Kombination, die ja auch bei "Prosser's Gabriel" auf der Vorgängerplatte sehr gut funktionierte. Man möchte eigentlich sofort seine Tasche in die Hand nehmen und auf den nächsten Zug springen um arbeitssuchend durchs Land zu fahren. Vielleicht habe ich aber auch nur eine zu romantische Vorstellung des Hobo-Lebens durch Jack Londons "The Road" bekommen. Ein großartiger Song eines großartigen Albums. Ich liebe es!

Über das eher schnellere "T. Beene" kommt Barry dann zum grandiosen "Fine Food Markets". Was ist das bitte für eine großartige, selbstironische Abrechnung mit all den Punksängern, die jetzt auf Folk machen? Unglaublich komisch und spaßig. Mit "Amen" schließt sich dann ein unglaublich intensives Album mit einem wieder sehr klassisch folkig instumentierten Stück, das ein perfektes Ende für "40 Miler" gibt. "Go on kick me in the head / Watch me get right back up again" Wunderschön Barry nach "With Ease I Leave" wieder so zu hören!

Was soll ich also noch sagen? Das Album ist einfach unglaublich! Hier entfaltet ein grandioser Künstler, der leider hierzulande noch viel zu wenig Beachtung findet, seine ganze Schaffenskraft. Einfach überwältigend und hoffentlich für den ein oder anderen ein Einstieg in das Werk Tim Barrys, das ich jedem ans Herz legen möchte, der vorgibt zumindest ein bisschen von Musik zu verstehen.

Autor: Jöran Kuschel

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