Tobin Bawinkel (6'10) - 06.12.2014

Punkrock und seine Solo-Projekte sind ja mittlerweile ein sehr weites Feld geworden. Einen anderen Weg geht Tobin Bawinkel, ansonsten bekanntlich bei Flatfoot 56, mit seiner Band 6'10. Nicht einfach ein Mann und seine Gitarre, sondern Bluegrass. Zeit also für ein (Mail-)Interview über die neue Band, Bluegrass und den Einfluss seiner Familie.

Jöran: Erzähl am besten erst einmal ein bischen über 6'10. Was ist die Story hinter der Band?

Tobin: 6'10 haben im Frühjahr 2013 angefangen und es es war für mich die Chance in einer Weise zu schreiben und zu veröffentlichen, die nicht gerade typisch für Flatfoot war. Die Jungs von Flatfoot haben mich aber immer wieder ermutigt einige der Songs zu veröffentlichen, die ich geschrieben hatte. Kyle, unser Bassist bei Flatfoot 56, meinte, ich sollte das neue Projekt 6'10 nennen, weil es ein guter Weg wäre, es entweder als Solo-Projekt (weil 6'10 meine Größe ist) oder als Band-Projekt zu sehen.

Die Idee hinter der Gruppe war, es als eine Band aufzubauen, die ein offenes Mitglieder-System hat, die immer so spielen können, wie ihre Zeit es zulässt. Ich mag dieses System, da in dieser Phase des Lebens, in der ich gerade bin, die meisten Leute in ihren Karrieren etabliert sind. Ich habe es also geschafft, eine Kerngruppe großartiger Jungs zusammen zu bekommen und habe angefangen zu produzieren und zu schreiben. Wir haben aber auch eine nicht endende Liste von Freunden, die als Vertretung spielen könnten, oder ich könnte auch solo spielen.

Jöran: Und was bedeutet der Name?

Tobin: 6'10 ist meine Größe. Das sind ungefaähr 2,08 Meter. Ich werde andauernd gefragt, wie groß ich bin und das ist ein guter Weg, das schneller bekannt zu machen.

Jöran: Wie fühlt es sich an, in einer Band ohne Deine Brüder zu spielen?

Tobin: Obwohl ich es vermisse, meine Brüder im kreativen Prozess nicht um mich zu haben, genieße ich die Freiheit, nicht ihre Zustimmung bei bestimmten Songs bekommen zu müssen. Jedes Mitglied der Band hat seinen eigenen Style und Einfluss. Dieser Fakt limitiert grundsätzlich die Songs, die Flatfoot heraus bringen würde. Ich glaube, das ist eine der Stärken von uns als Band, aber trotzdem ist es schön eine weniger einschränkende Plattform zu haben, um zu teilen, was ich auf dem Herzen habe.

Jöran: Was bedeutet es Dir, mit Deiner Familie Musik zu machen?

Tobin: Meine Familie ist der Punkt, an dem ich angefangen habe und sie wird immer ein großer Teil meiner musikalischen DNA sein. Ich habe in unserem Wohnzimmer angefangen Musik zu machen. Wir haben immer American Bluegrass und Traditionals zusammen gespielt, was eine großartige Chance für Kinder ist, ein Instrument zu lernen. Die Kultur ist da auch sehr akzeptierend und offen für lernen. Keine elitäres Gehabe, nur Spaß.

Auf der 6'10 Platte, hatte ich die Ehre ein Familienmitglied einzubringen, mit dem ich noch nue was aufgenommen hatte. Meine kleine Schwester Emma singt den weiblichen Part bei "It is well". Sie ist eine dieser Personen, die es einfach kann, wenn es um Singen oder ein Instrument spielen geht. Ich wünschte, ich hätte nur einen winzigen Teil des Talents, das in diesem Mädchen schlummert. Sie ist großartig!

Jöran: Deine Solo-Musik hat sehr viele Bluegrass-Einflüsse. Wie kommt es dazu?

Tobin: Ich hatte schon immer ein Faible für den hausgemachten, amerikanischen Bluegrass. Vermutlich, weil es so verbunden ist mit meinen keltischen Traditionen. Der Stil wurde stark beeinflusst von den schottischen und irischen Einwanderern, die in die Berge nahe der amerikanischen Ostküste gezogen sind. Es ist ein kulturell sehr reicher Stil mit großartigem Storytelling und vielen lustigen, lyrischen Wortspielen. Ich komme aber auch aus einem Elternhaus, in dem ein 5 String Banjo und schöne Vokalharmonien zum täglichen Brot gehörten.

Jöran: Für mich ist Bluegrass immer verbunden mit dem ländlichen Leben und eher traditionellen Menschen. Siehst Du das ähnlich?

Tobin: Ja, das stimmt. Es gibt aber auch immer so ein kleines Outlaw-Element im BLuegrass. Für mich war es immer so eine Art Punk des Country. Es ist schneller, manchmal weniger ausgefeilt, und voller roher Menschen und Geschichten. Nachdem ich das gesagt habe, bin ich gar nicht mehr so sicher, ob 6'10 wirklich eine echte Bluegrass Band ist. Wir haben definitiv Einflüsse, ja, aber wir sind wesentlich zurückgefahrener als die meisten Bluegrass Bands.

Jöran: Was sind Deine Einflüsse und Inspirationen beim Songwriting?

Tobin: Ich war immer schon ein großer Fan von Leuten wie Johnny Cash, Mississippi John Hurt, Tennessee Ernie Ford and Jungs wie Cory Branon. Weiterhin bin ich auch ein riesiger Fan eines alten Freunde, der mich stark beeinflusst hat; Brandon Reid. Er ist vielleicht einer der größten Songwriter, die ich je getroffen habe.

Andere Bands, die ich immer für ihren Sound und ihre Texte bewundert habe sind The Pogues, Lucero, Mewithoutyou, Murder by death und Leatherface.

Jöran: Viele der Songs auf "The Humble Beginnings of a Roving Soul" handeln vom Reisen, warum?

Tobin: Zwischen 2000 und 2013 habe ich die meiste Zeit meines Lebens unterwegs verbracht. Flatfoot 56 haben andauernd gespielt. Es gab einige Jahre, in denen wir mehr 250 Shows gespielt haben. Wenn man so viele Jahre damit verbringt, von einem Van in den Schlaf geschaukelt zu werden oder an fremden Orten schläft, verändert es definitiv den eigenen Blick auf die Welt.

Ich bin außerdem jemand, der sich immer so fühlt, als wäre er in dieser Welt nicht richtig zu Hause. Ein bisschen komisch, aber ab und zu fühlt man sich so, als würde man nicht richtig rein passen. Die Straße hilft dir da, da in der Welt der Reisenden, kannst du auf Entdeckungsreise gehen, ohne irgendwo gebunden zu sein. Es ist der rohe, echte Frieden und es macht abhängig.

Jöran: Du bist bekannt dafür, sehr religiös zu sein. Wie passt das zu Punkrock und wir beeinflusst es Dich beim Schreiben für 6'10?

Tobin: Religion und Punkrock waren nie Dinge, die zusammen passen. Ich verschließe da nicht meine Augen und behaupte, es wäre anders. Es gab nie zu wenig Drama um den Fakt, dass Flatfoot eine Band ist, die offen über ihren Glauben spricht. Für ein paar Leute war das schrecklich und sie konnten nie verstehen, dass man an etwas glaubt, an dass sie nicht glauben und trotzdem Punkrock spielen kann. Für andere war es so, dass sie sich die Zeit genommen haben, uns als Menschen kennenzulernen und dann realisiert haben, dass wir wesentlich authentischer und realer waren, als viele andere. Aus der letzte Gruppe kommen einige unserer bis heute besten Freunde. Ich habe viel von ihnen gelernt und sie haben mich beeinflusst, Menschen mit anderen Meinungen zu verstehen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die Jungs in beiden meiner Bands und ich selbst, haben es nie als Mission gesehen, irgendwen zu ändern. Ja, wir sind offen über unseren Glauben an Jesus Christus, ab es war keine Agenda, die uns zum Glauben gebracht hat. Jeder von uns hatte seine eigene Begegnung mit God, die sein Leben verändert hat. Und es verändert es immer noch. Ich habe mal gehört, dass es heißt, "religion is trying to do God's will mans way". Was ich gelernt habe ist, dass wir dazu tendieren, viele Dinge zu zerstören und sie in das zu ändern, was wir wollen, statt sie so zu sehen, wie sie sind. Das ist es, was viele Menschen denken, wenn sie ans Christentum denken, und mit diesem Hintergrund, kein Wunder, dass die Punkrock-Szene Religion hasst.

Für mich selbst ist es so, dass ich eigentlich nur ein Kerl war, der, als er Jung war, in eine UK Subs Show in Chicago geraten ist, die meinen Blick auf die Welt der Musik geändert hat. Die Energie und die ansteckende Natur war fesselnd und ich war sofort am Haken. Ich war inspiriert von dieser Passion und Angst. Ich wurde stark beeinflusst von der Authentizität der Band und ihrer Storys.

Was meine Musik betrifft, das größte Ziel ist es, authentisch zu sein. Als Musiker ist es sehr wichtig, real zu sein; egal, was es kostet. Ich habe die Möglichkeit, Songs zu schreiben, die so viele verschiedene Menschen beeinflusst. Ich will das nicht beeinträchtigen, indem ich meine wahres ich verkaufe. Eine solche Ehre verdient Ehrlichkeit.

Jöran: Was sind Deine Zukunftspläne für 6'10 und Flatfoot 56?

Tobin: 6'10 veröffentlichen gerade ihr erstes Album in den USA und werden das Album im Januar in Europa veröffentlichen. Die Tour wird Ende September, Anfang Oktober 2015 durch fast ganz Europa gehen. Wir haben eine Video für "Backpack" gedreht, das auch bald raus kommen wird und wir planen, möglichst viele Shows und Festivals in den USA zu spielen.

Flatfoot 56 ist immer noch am Leben und wir spielen Shows rund um "unsere" Region in den USA. Wir planen auch im nächsten Jahr ein wenig an neuem Material zu arbeiten Wir lieben immer noch die Musik, die wir spielen und wollen so schnell wie möglich zurück nach Europa kommen. Wir vermissen all unsere Freunde da drüben. Wir wurden auch schon gefragt, ob wir in Südamerika spielen wollen, was für uns sehr aufregend ist.

Wir hoffen, euch dann alle auf unserer Tour in Europa zu sehen.

Autor: Jöran Kuschel

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