Mark Chadwick (The Levellers) - 17.11.2009

Nach ein paar kleineren Deutschland-Touren waren mal wieder auf größerer Europa-Tour und dabei waren sie auch in der Bochumer Zeche zu Gast. 18 Jahre nach meinem aller ersten Levellers-Konzert war es für mich echt etwas Besonderes mit den „Helden“ meiner Jugend ein Interview zu führen.

Frank: Wie war die Tour bisher?

Mark: Bisher ganz gut, vorgestern waren wir in Budapest, davor in Holland und ein wenig in Deutschland, Frankfurt und Hannover.

Frank: Und die deutschen Gigs waren auch gut?

Mark: Ja ja, großartig, die Besten seit längerer Zeit.

Frank: Gut zu hören! Das letzte Album "Letters from the Underground", das, glaube ich, 9te Album ...

Mark: Ist es das Neunte? Ja, ich glaube auch, ja sollte das Neunte gewesen sein.

Frank: Wart ihr zufrieden mit dem Album?

Mark: Ja! Ja auf jeden Fall. Ich denke für die Levellers ist es ein sehr starkes Album geworden.

Frank: Jez, meinte vor dem Album, es solle mal wieder ein richtiges Punk-Rock Album werden.

Mark: Ja, mehr oder weniger. Nicht ganz so in Richtung der alten Songs, aber die Action, die Betonung und die Idee dahinter sind sehr "Punk-Rock"-mäßig. Es beinhaltet auf jeden Fall einige schärfere Statements als moderne Punk-Platten in der heutigen Zeit.

Frank: Und das aktuelle Live-Album mit den Aufnahmen aus der Royal Albert Hall.

Mark: Ja, ja, ja, das ist toll, wir sind wirklich glücklich es zu haben, wir hätten es fast ganz verloren, weil das Aufnahmegerät abstürzte und nicht mehr zu gebrauchen war. Einige Songs konnten gerettet werden, aber andere Songs sind unwiederbringlich verloren gegangen. Die die wir haben sind großartig, weil es ein großartiger Gig war. Überhaupt ist es ein toller Ort zu spielen. Jede große britische Band hat da schon gespielt. Irgendwie muss man da einfach mal gespielt haben. Das ist einfach der Platz, wo man einmal im Leben spielen will.

Frank: Gibt es davon eine Videoaufnahme?

Mark: Nein, nur die Audioaufnahmen und nur die 10 Stücke, die überlebt haben. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir die Aufnahme vorerst nur als Download anbieten.

Frank: Was haltet ihr von Musikdownloads?

Mark: Das ist halt so, wie es ist. Es scheint die Art zu sein, wie Leute in der heutigen Zeit Ihre Musik kaufen, da muss man halt das Spiel mitspielen. Aber, wir wissen noch nicht, vielleicht wird das Konzert ja doch noch als CD angeboten.

Frank: Weißt du, ob ihr mehr CDs als download oder als echte CD verkauft?

Mark: Wahrscheinlich mehr Downloads, ja, vermutlich.

Frank: Zurück zum Live-Album, es war ja eine recht aufwendige Produktion.

Mark: Ja, wir haben da ziemlich hart für gearbeitet, weil es so ein spezieller Gig werden sollte. Wir haben echt gekämpft, dass alles gut läuft. Wir hatten zusätzliche Streicher. So etwas haben wir noch nie gemacht, während des ganzen Gigs Live-Geigen, und so, es war großartig. Aber es war schon ziemlich schwer, wir mussten die Verstärker und die Boxen aus unserem Rücken räumen, damit wir den Sound der Streicher nicht stören. Wir wollten, dass alles so pur und natürlich rüberkommt, wie es nur geht.

Frank: War es so etwas wie das 20-Jahre-Levellers-Konzert?

Mark: Ja, mehr oder weniger, für mich irgendwie schon, also wir hatten zwar ein riesiges Jubiläums-Konzert in der Brixton Academy früher dieses Jahres, aber das war mehr eine riesige Party.

Frank: Wenn du auf die 20 Jahre Levellers zurückblickst, hattet ihr eigentlich nur einen Wechsel im Line-Up.

Mark: Ja, Matt ist hinzugekommen (lacht).

Frank: Für Matt ist aber niemand gegangen. Ich dachte an Simon.

Mark: Okay, stimmt, aber Simon ist in der Band seit 1990, also praktisch auch seit 20 Jahren.

Frank: Wie bekommt man das hin, andere Band schaffen das nicht.

Mark: Wie wir das managen? Wir benehmen uns gegenüber einfach wie Arschlöcher. (lacht) Wir verarschen uns einfach und irgendwie funktioniert das dann. Wir sind richtig brutal zueinander.

Frank: Aber man verändert sich ja auch musikalisch, wie bekommt man alle unter einen Hut.

Mark: Ich habe keine Ahnung, es funktioniert einfach. Gegenseitig verarschen, ach ja und eine gemeinsame Vision haben von dem was wir machen wollen, hilft natürlich auch. Ist schon erstaunlich nach 20 Jahren.

Frank: Was waren denn so deine persönlichen Highlights in den 20 Jahren.

Mark: Meins? Hmm, für mich sind es wahrscheinlich die Festivals, die wir in England veranstalten, das jährliche Beautiful Day Festival. Wir haben damit vor 7 Jahren angefangen und setzen wir unser ganzen Herzblut da rein, das ist echt was ganz Besonderes für uns.

Frank: Einige meiner deutschen Bekannten reisen regelmäßig hin.

Mark: Ja, dass ist auch echt ein gutes Festival geworden!

Frank: Es ist ja auch immer Ruck Zuck ausverkauft.

Mark: Ja, das ist es, jedes Jahr bisher. Meist bevor das vollständige Line-Up steht.

Frank: Hast du irgendwelche Tips, was uns da 2010 erwartet?

Mark: hmm, ich kann sagen ..., tricky tricky, Matt schickt ja das Interview auf unseren Facebook-Account. Ne, ich glaube da darf ich noch nichts verraten. Wir haben zwar schon lockere Zusagen, aber da ist noch nichts offiziell bestätigt. Das wird wohl noch bis Februar dauern, aber, ... es wird definitiv gut!

Frank: Wann ist das Datum?

Mark: August, immer das 3 Wochenende im August.

Frank: Was war dein miesester Moment in den 20 Jahren?

Mark: Der schlechteste? Hmm, wahrscheinlich, als wir auf einmal bei Warner-Records unter Vertrag waren. Als sie unseren Vertrag von China-Records gekauft hatten. Also, für zwei Jahre bei einem Major unter Vertrag zu sein, das war wirklich entsetzlich.

Frank: Welche Platten waren das?

Mark: Oh, "Hello Pig" war das Album, welches ich persönlich wirklich mag, viele Fans mögen es nicht, aber ich liebe es. Wir hatten da absolut keine Unterstützung, dem Label waren wir vollkommen egal. Die wollten nur Morcheeba kaufen, nicht uns, aber wir kamen als Paket zu Warner. Das hätte fast unsere Karriere ruiniert, und es war für uns eine echt harte Sache weiterzumachen!

Frank: Aber eurer Popularität hat das kein Abbruch getan?

Mark: Nein, nein, das war alles okay. Wir mussten nur alles neu überdenken. Wie wir zum Beispiel in diesem Business weiter existieren wollen. Wir haben letztlich unser eigenes Label gegründet, unser eigenes Studio aufgebaut und auch das eigene Festival gehörte dazu. Wir veröffentlichen auch selbst, wir versuchen alles möglichst selbst zu machen. Und bisher funktioniert's.

Frank: Hattest du schon vorher davon gehört, dass Bands so einfach weiterkauft werden können?

Mark: Ne, hätte nie gedacht, dass so etwas gehen kann. Aber es geht und das ist grauenhaft. Der Managing Director at China; Derek Green hat mich unter Tränen angerufen und mir erzählt dass er einen riesigen Fehler gemacht hatte. Er dachte er hätte nur eine "Beteiligung" an Warner verkauft, aber da sie dann 51% hatten, gehörte ihnen praktisch die ganze Firma. Damit war sein Einfluss und sein eigenes Business-Leben beendet.

Frank: Musikinstinkt ist ja ein Webmagazin, liest du Webzines?

Mark: Ne, eigentlich nicht. Andere englische Medien aber auch nicht wirklich. Wir mögen die nicht, und die mögen uns nicht. Wir sind für die so etwas, wie eine Kulturelle-Abnormität und da weigern sie sich einfach unsere Existens zu bemerken. Und falls sie es doch mal tun, werden wir in 2 Sätzen abgehandelt. Ich weiß auch nicht warum. Aber wir sind da nicht die einzige Band. In England ist man schnell in aller Munde, aber man ist auch genau so schnell wieder ausgespuckt. Das geht schneller als die Bands es mitbekommen, da gibt's echt hunderte von, die hatten nur nicht das Glück so lange zu existieren wie wir. Meist gibt es Bands dann eben nur für 5 Jahren. Mal eine Frage, wie viele britische Bands fallen dir ein, die heute regelmäßig in Deutschland Touren?

Frank: Ab und zu New Model Army, aber sonst ???

Mark: (lacht) ja klar, manchmal New Model Army, aber das ist eine der wenigen Bands die seit Jahren existieren und die ihr Ding machen. Btw. ihr letztes Album ist super!

Frank: Was würdest du ohne die Levellers machen?

Mark: Keine Ahnung, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Das ist jetzt schon so lange ein Teil meines Lebens, echt keine Idee. Wir haben auch noch lange keine Pläne aufzuhören.

Frank: Also siehst Du dich in weiteren 20 Jahren immer noch auf Tour und auf Konzerten.

Mark: Ja, irgendwie auf irgendeine Art und Weise.

Frank: So, damit bin ich mit meinen Fragen durch. Verstehst Du eigentlich Deutsch?

Mark: "Ein bisschen"

Frank: Du bist in Deutschand geboren.

Mark: Ja, ja, in Münster, wo wir nächste Woche spielen.

Frank: Erinnerst du dich noch an die Zeit in Deutschland.

Mark: Ja, ich erinnere mich, wir haben mal in Berlin gelebt haben, auch in Minden und in Hemer, einer kleinen Stadt hier in der Nähe.

Als mein Kollege Jöran erwähnt, dass er aus einer Nachbarstadt von Hemer kommt, endet das Interview in einem Erinnerungsaustausch über die Schönheit des dortigen Felsenmeeres, in dem vor einigen Jahren ein kleiner Mark Chadwick als Kind herumgeklettert ist und wahrscheinlich eine gute Portion Hippie-Prägung abbekommen hat.

Autor: Frank Reins

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