Chris Matulich (Nothington) - 20.04.2012

Meine Begeisterung für Nothington sollte ja durch den Review von "Borrowed Time" recht bekannt sein. Daher war es auch klar, dass ich die Jungs bei den Hardcore-Tagen im Wermelskirchener AJZ Bahndamm sehen musste. Vor dem hervorragenden Auftritt der Jungs dann noch schnell ein Interview mit Gitarrist und Sänger Chris gemacht, also alles Bestens.

Jöran: Ok, "Borrowed Time", was heißt das für euch? Warum habt ihr das Album so genannt?

Chris: Im Grunde war das Jays Idee. Er mochte den Namen, weil es so schwer ist eine kleine Punkrock-Band wie diese am Laufen zu halten, Touren wird immer schwerer, zum Beispiel wegen der hohen Benzinpreise. Wir wollen so lange wie möglich in der Lage bleiben, das hier zu machen, aber irgendwann werden die Räder abfallen, im übertragenen Sinne. Also haben wir das Album "Borrowed Time" genannt, weil man in einer Band heutzutage im Grunde von geborgter Zeit lebst. Es nicht mehr so ist, wie noch in den 90ern, als jeder CDs kaufen musste und nicht für umsonst bekam. Wir versuchen einfach dabei zu bleiben, das Ding am Laufen zu halten, aber wir wissen nie, wann es endet. Wir können hoffentlich noch ein weiteres Album aufnehmen, aber man kann nie wissen.

Jöran: Und wie war die Reaktion auf "Borrowed Time"? Was sagen Fans und Familie dazu?

Chris: Jeder den ich kenne scheint es wirklich zu mögen und auf jeder Show kommen Leute zu uns und sagen, dass sie es lieben. Auch die Bands von Freunden waren sehr begeistert. Aber ich weiß nicht, vielleicht sind auch alle einfach nur höflich. Aber auch alle Reviews die ich gelesen habe waren positive, abgesehen von einem in den USA.

Jöran: Und was ist Deine persönliche Meinung über das Album?

Chris: Ich habe bisher noch nie ein Album produziert, mit dem ich 100% zufrieden war. Es gibt immer Dinge, zum Beispiel, dass man hier und da noch einen Background-Vocal machen sollte, aber mit "Borrowed Time" bin ich sehr zufrieden. Wir waren sehr nervös es zu veröffentlichen, weil wir sehr stolz auf das vorherige Album waren und einen großen Druck verspürt haben auf diesem Songwriting-Level zu bleiben. Nach den Aufnahmen, die ungefähr 1 1/2 Monate dauerten, war ich so genervt vom Album, dass ich es gehasst habe, aber jetzt, nachdem ich ein wenig Zeit hatte zu Reflexion, denke ich, dass es sehr gut ist und bin glücklich mit dem Album.

Jöran: Wer von euch hat die Texte geschrieben und wieviel Persönliches ist in den Texten? Was von dem, was ihr beschreibt ist wirklich passiert?

Chris: Das ist eine gute Frage. Ich schreibe eine Menge Texte, auch von Songs, die Jay singt, weil wir beide uns da häufig abwechseln. Jay schreibt aber auch eine Menge, wobei ich aber den größeren Teil geschrieben habe. Einige von ihnen sind sehr persönlich und wahr, andere sind mehr eine Geschichte oder ein Gefühl, das ich erzähle. Der letzte Song, nach dessen Text mich wer gefragt hat ist einer, in dem es darum geht, eine Beziehung zu zerstören, weil man ein Drogenproblem hat, das ist nicht wirklich passiert, aber es ist ein Gefühl, zu dem wir alle eine Beziehung, vielleicht auf einer kleineren Basis, haben. Ich habe da ein bisschen übertrieben, um es ein wenig dunkler zu machen.

Jöran: Und wo hast Du das alles geschrieben? Auf Tour oder zu Hause?

Chris: Ich schreibe viele Songs auf Tour, was Jay nicht tut. Aber, als wir zurück kamen von der Tour für das letzte Album, konnten wir uns keinen Proberaum leisten, also haben Jay und ich Akkustikgitarren genommen und sind an den Strand vor Jays Haus in San Francisco gegangen, haben da gesessen, Bier getrunken und dabei das Album geschrieben.

Jöran: Ich habe zuletzt häufiger gelesen, dass ihr jetzt mehr von der Bay-Area-Szene beeinflusst klingt als von der Gainesville-Szene. Würdest Du dem zustimmen?

Chris: Ich denke der Grund, warum uns viele Menschen mit der Gainesville-Szene in Verbindung bringen ist, dass dieser härtere Vocal-Stil dort so populär ist. Und so klingen Jays Vocals. Jay ist auch an der Ostküste aufgewachsen, also waren Bands wie Hot Water Music immer sein Ding. Ich bin in der Bay Area aufgewachsen und wurde immer vom Bay-Area-Punkrock beeinflusst. Ich denke nicht, dass wir bewusst in die eine oder andere Richtung gehen, wir schreiben Stücke so, wie wir uns gerade fühlen. Ich weiß also heute nicht, wie das nächste sein wird. Wir werden einfach sehen, wo es hingeht.

Hendrik: Es ist also eine Kombination der beiden Einflüsse?

Chris: Ja, es ist eine Kombination. Für mich geht der Bay-Area-Punkrock sehr weit zurück, damit bin ich aufgewachsen und es ist immer noch meine Lieblingsmusik. Es wundert mich also nicht, dass Leute diesen Einfluss in unserer Musik sehen.

Jöran: Zurück zu Deinen Texten. Es geht häufig um Einsamkeit auf der Tour. Magst Du touren überhaupt?

Chris: Ich liebe es auf Tour zu sein, es ist aber sehr hart, weil Du Dich einsam fühlst. Du bist weg von Deinen Freunden, von Deiner Familei und denen, die Du liebst. Es ist interessant, dass Leute so darauf anspringen, dass wir unser Leben auf Tour beschreiben. Erstens wollen wir ehrlich sein, weil ich denke, dass Menschen sich zu ehrlicher Musik verbunden fühlen. Und auch, wenn Du nie auf Tour gewesen bist, kann man immer noch eine Verbindung aufbauen, zu Texten über Einsamkeit oder darüber, noch einen weiten Weg vo dir zu haben, egal, ob dieser Weg eine echte Reise oder mehr eine "Reise" in deinem Leben darstellt, zum Beispiel deine Karriere, oder so. Ich hoffe Menschen können sich in den Texten wiederfinden, obwohl sie so persönlich sind.

Jöran: Und was ist mit den ganzen Texten übers Trinken und Selbstmedikation?

Chris: Hm, Du sprichst über "The Escapist". Der Song ist auch einer von denen, die von einem sehr ehrlichen, persönlichen Punkt in meinem Leben losgehen. Ich beschreibe da eine Zeit in meinem Leben, in der ich sehr depressiv war und nicht mehr mit meinen Problemen klar kam. Daher habe ich versucht diese Probleme mit einer Menge Alkohol-Missbrauch und solchen Sachen zu lösen. Es ist aber auch nicht komplett über mich geschrieben, weil da andere Texte sind, zum Beispiel, über die Menschen, die Tabletten nehmen um einschlafen zu können. Das mache ich nicht, aber es ist wieder ein Versuch dieses Gefühl überfordert zu sein und einen Teil meines Lebens zu dokumentieren, mit den Problemen in Verbindung zu bringen, die andere Menschen haben. Jeder von uns hat sich schon mal so überfordert gefühlt, oder hatte Liebeskummer, dass er durch eine Phase gegangen ist, in der er so oder ähnlich reagiert hat. Und ich habe auf dem Album ja noch "Don't Have To Wait" geschrieben über meine Abkehr von dem Ganzen und das, was ich meine Genesung nenne, dass ich so weit entfernt bin von dieser Phase meine Lebens, dass ich das Alles in einer ehrlichen Art und Weise reflektieren kann.

Jöran: Auf eurem Facebook-Profil heißt es, es ist Musik für "Fans von PBr und Irish Whiskey". Steht das damit in Verbindung oder ist das mehr so diese Working-Class-Attitude?

Chris: Nee, das ist mehr so das Grundsätzliche. Ich habe das für The Fest geschrieben und ich habe das genommen, weil es das ist, was The Fest ausmacht. Jeder trinkt gerne Jameson und Pabst, singt die Songs mit. Es sieht so aus, als wäre das unsere Fan-Base...

Jöran: Wart ihr das mit dem Ratten-Kostüm beim Helloween-Fest?

Chris: Es war ein Pinguin-Kostüm, das wir mit auf Tour hatten und ja, Ryan, unser Bassist ist ne ganze Zeit damit rumgelaufen. Wir hatten es aber auch an Devon von den Cobra Skulls verliehen, der bei unserem Set damit ein paar Stage-Dives gemacht hat.

Jöran: Wie ist das für euch mit Bands wie Social Distortion, Leatherface oder Hot Water Music verglichen zu werden? Ist das mehr eine Ehre oder eine Bürde?

Chris: Ich fühle mich immer geehrt, wenn ich mit solchen Bands verglichen werde. Es ist cool, wenn Leute meinen, dass wir nach ihnen klingen. Wollen wir mal rein gehen wegen des Regens? (...) Also, ich denke schon, dass es cool ist, wenn Leute das denken, wobei ich nicht finde, dass wir wie diese Bands klingen?

Jöran: Das hier ist das erste Album, dass ihr hier veröffentlicht. Wie seid ihr da zu Uncle M gekommen?

Chris: Ich habe Mirko auf unserer letzten Tour getroffen, als wir ne Show mit Justin Sane von gespielt haben. Wir haben angefangen zu quatschen und er hat erzählt, dass er unsere Band mag. Später habe ich dann ne Mail bekommen, in der er schriebe, dass er Interesse hätte, mit uns zusammen zu arbeiten. Das haben wir gemacht und er hat einen hervorragenden Job gemacht.

Jöran: Plant ihr euren Back-Catalogue noch mal in Deutschland raus zu bringen?

Chris: Nein, ich glaube nicht, dass die beiden ersten Alben in Deutschland erscheinen werden. Zumindest haben wir den Plan und ich glaube auch nicht das DYO, das bisherige Plattenlabel, Interesse daran haben.

Jöran: Okay, morgen spielt ihr mit Off With Their Heads und 7 Seconds. Freut ihr euch?

Chris: Oh ja, defintiv. Ich bin gut mit Off With Their Heads befreundet und wir haben schon mit ihnen in den USA getourt. Und 7 Seconds? Was soll ich da sagen? Ich höre die Band seit bestimmt 15 Jahren und habe sie bisher nur 3 Mal gesehen. Wird also großartig sie morgen zu sehen...

Jöran: Ich habe mal gelesen, dass Du eher Fan von kleineren Punk-Bands bist. Also, letzte Frage: Auf welche Bands sollte man ein Auge habe?

Chris: Definitiv Off With Their Heads, The Menzingers. Elway sind richtig gut. Da sind eine Menge Bands, ich könnte jetzt bestimmt noch 15 mehr aufzählen.

Autor: Jöran Kuschel

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