Jeff Rowe (Jeff Rowe) - 02.09.2012

Großartige Gelegenheiten muss man nutzen. Getreu diesem Motto dieses Interview mit Jeff Rowe, den es ins westfälische Münster zu einem Konzert im Cafe SpecOps verschlagen hatte. In der recht annehmbaren Sommersonne am Servatii-Platz ging es natürlich um sein neues Album, die Vorteile mit seiner Ehefrau zu touren und seine Beliebtheit in Russland.

Jöran: Ok, lass erst mal kurz über Deine neues Album reden, das im September kommt, oder?

Jeff: Ja, ich glaube, es kommt im September.

Jöran: In welchem Zeitraum hast Du es geschrieben?

Jeff: Größtenteil im letzen Jahr. Ich hatte einen Song, der schon eine Weile rumlag, aber ansonsten habe ich alles im letzen Jahr geschrieben.

Jöran: Der Titel ist "Bridges / Divide". Was bedeutet das für Dich?

Jeff: Es ist ein bisschen eine Analogie zu dem Weg, den ich eingeschlagen habe. Mit der Musik un so. Alles sieht so weit weg aus und so hart umzusetzen, aber ich habe die Brücke dorthin gebaut. Es schließt die Lücke. Es dreht sich also darum, dass wir, meine Frau und ich, die Musik schon als eine Art Karriere gewählt haben oder es zumindest sehr ernst nehmen herumzureisen, so wie wir es im letzten Jahr gemacht haben. Auf dem Album sind eine ganze Menge Songs darüber.

Jöran: Du hast Dich diesmal dazu entschieden einige der Songs mit eine Band einzuspielen. Warum hast Du Dich dafür entschieden.

Jeff: Einige Songs, die ich geschrieben hatte, hörten sich zwar akkustisch sehr gut an, aber ich konnte irgendwie immr eine Band hören. Als ich die Songs dann zum Producer geschickt habe, meinte er 'Ich höre da auch eine Band.' Da habe ich gesagt, ok, lass es uns machen.

Jöran: Das heißt, Du hast beim Schreiben schon gewusst, bei welchen Songs Du eine Band haben willst?

Jeff: Nicht, als ich sie geschieben habe. Ich habe da mit ein paar der Songs gesessen und sie für mich gespielt. Ich konnte mir dann immer vorstellen eine Band oder eine elektrische Gitarre zu hören.

Jöran: Und dann hast Du einfach ein paar Freunde gefragt, ob sie Dich unterstützen wollen?

Jeff: Ja, einige der Jungs von Landmines sind auf der Platte, der Drummer spielt für Tim Barry und No BS Brass Band. Ich hab quasi meine gesamten Freunde gefragt.

Jöran: Du hast ja jetzt wieder ne Band dabei. Würdest Du sagen, dass es momentan einen SingerSongwriter-Overkill gibt?

Jeff: Definitiv. Generell ist es ja okay, wenn es jemand machen möchte und um ehrlich zu sein, höre ich mir das Genre auch gar nicht wirklich an.

Jöran: Was hörst Du denn sonst privat so?

Jeff: Oh ich höre ne ganze Menge verschiedenes Zeug. Ich höre immer noch einige der Punkplatten, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich höre sehr gerne Soul, so Richtung Sam Cooke und Motown. Aber auch gerne Indie-Rock.

Jöran: Nochmal zu der Band-Geschichte. Planst Du, wieder in einer Band zu spielen oder läuft das eher unter "Jeff Rowe and Friends"?

Jeff: Es wird weiterhin mein Ding sein. Es ist immer mal wieder schön, zum Spaß, in den USA werde ich auch definitiv mal wieder mit den Jungs spielen. Ich mache das ab und zu mal. Aber auf Tour gehen werde ich weiterhin nur akkustisch. Es ist zu hart für mich eine Band organisiert zu bekommen.

Jöran: Daher hast Du heute auch keine dabei?

Jeff: Ja, es ist wesentlich einfacher alleine rüber zu kommen.

Jöran: Aber Du hast Deine Frau mit auf Tour, wie auch schon früher.

Jeff: Das ist richtig.

Jöran: Das ist anders als bei den meisten Musikern, die immer davon sprechen, dass sie ihre Familien vermissen.

Jeff: Ich habe das auch häufig bei Freunden mitbekommen, die in Bands spielten, was für Porbleme es imemr gab ihre Partner zurückzulassen. Und wie sich diese lange Trennungszeit auf ihre Partnerschaften ausgewirkt hat. Alissa ist meine Frau und einer meiner besten Freunde. Ich möchte einfach, dass sie all das sieht, was ich auch sehe und sie hält mich zusammen. Ich bin da sehr schlecht drin, ich wäre wahrscheinlich die ganze Zeit betrunken, wenn sie nicht mit wäre.

Jöran: Also hast Du dadurch auch keine Einbußen, was den Spaß angeht.

Jeff: Nein, auf keinen Fall! Es ist mehr Spaß als ohne und ich denke, dass sie häufig mehr Spaß hat als ich.

Jöran: Was sind Deine Erwartungen für diese Tour? Du bist immerhin einen Monat in Westeuropa unterwegs und dann noch einen Monat in Russland.

Jeff: Ich würde gerne wieder solche Shows spielen, wie beim letzten Mal. Für Menschen, die meine Musik mögen und sich Gedanken darüber machen. Ich hoffe, ich kann meine neuen Songs vorstellen. Ehrlich gesagt sind meine Erwartungen recht klein. Was soll ich sagen? Ich bin in Europa, ich leibe es hierhin zu kommen. Ich liebe es Musik zu machen. Es ist mein 3. Mal hier drüben, jedes Mal treffe ich neue Freunde, die ich dann beim nächsten Mal wieder treffe. Das ist großartig.

Jöran: Du wirst in Russland 10 bis 15 Konzerte spielen. Du scheinst in Russland sehr beliebt zu sein. Woran liegt das? Ich habe noch von keinem Singer/Songwriter gehört, der so intensiv in Russland tourt.

Jeff: Das ist der Punkt! Sie haben so etwas nicht wirklich. Wenn die Menschen dort jemanden wie mich sehen - ich spiele da dann auch häufig ohne Mikrophon - nur mit meiner Gitarre, dann lieben sie das. Es ist nicht so wie in Europa oder den USA wo wir diesen, wie Du sagtest, Overkill haben. In Russland hatten viele Leute so etwas zum ersten Mal gesehen. Sie waren total begeistert. Ich hätte wahrscheinlich auch total furchtbar sein könne und sie hätten es gemocht. Ich bin sehr sehr gerne in Russland. Die Menschen sind großartig!

Jöran: Hast Du den Prozess um Pussy Riot verfolgt?

Jeff: Ja, es ist furchtbar. Jedes Mal, wenn jemand für seine Überzeugungen oder Demonstrationen eingesperrt wird, ist es eine Verletzung der Menschenrechte, egal worum es geht. Jeder Mensch sollte seine Überzeugungen haben dürfen, ohne ins Gefängnis zu kommen. Das heißt nicht, dass ich Dich oder Deine Meinung mögen muss, aber Du solltes dafür nicht eingesperrt werden.

Jöran: Du hast aber keine Angst nach Russland zu fahren?

Jeff: Nein, definitiv nicht. Beim ersten Mal hatte ich kleiner Bedenken, weil ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie Russland sein wird.

Jöran: Du hast ja mal ne Zeit in Richmond gelebt und bist jetzt wieder zurück in Boston. Inwiefern beieinflussen Dich diese beiden Städte? Ist es so ein bisschen das Beste aus beiden Welten?

Jeff: Ich glaube Boston und Massachusetts haben großen Einfluss auf meine Musik. Richmond war einfach eine gute Erfahrung. Ich weiß nicht, ob es mich beeinflusst, ich mag aber ein paar Bands aus Richmond. Ich bin auch mit Avail oder aufgewachsen, mit denen ich gestern gespielt habe. Als ich 18 war, bin ich immer zu den Ann Beretta Shows in Boston gegangen und gestern Abend hab ich mit ihnen zusammen gespielt. Ich hab an der Seite gestanden und fand es großartig. Zurück zu Deiner Frage: Boston und Massachusetts haben großen Einfluss auf meine Musik.

Jöran: Und welche musikalischen Einflüsse hast Du sonst noch? Du sprachst schon von Motown und Punkrock...

Jeff: Oh, ich mag auch Folk und ich mag Paul Simon sehr gerne. (lacht) Ja, ich weiß... Ich bin als Punkkid aufgewachsen, aber ich liebe Paul Simon. Da sind auch ein paar sehr gute Indie-Bands da draußen. Ich liebe Motown. Und bis zu einem gewissen Maß auch Rock und Metal. Ich liebe einfach Musik.

Jöran: Wenn Du Deine Song schreibst, wie viel ist dann von Dir selber darin?

Jeff: Von mir selbst? Alles! Ich denke, ich habe noch nie irgendetwas für einen Song erfunden.

Jöran: Also kein Storytelling, sondern die Geschichte Deines Lebens?

Jeff: Ja, ich erzähle keine Geschichten. Ich bin kein guter Lügner. Ich will nicht sagen, dass es lügen ist, aber einige Menschen können sehr gute, schöne Geschichten erfinden. Ich habe dazu aber kein Talent. Ich kann mein Leben in Worte fassen und daraus Songs machen.

Jöran: Also hast Du keine Angst, dass Du Dich selbst zu weit öffnest?

Jeff: Ich glaube, das ist die Art, wie ich Freunde finde. Viele Leute schreiben ja so ihre Songs. Ich schreibe zum Beispiel über meinen Vater und dann kommen Leute nach Konzerten zu mir und sagen, dass ihr Vater genauso war und dann unterhalten wir uns darüber. Ich denke, es eröffnet einfach die Möglichkeit eines Gesprächs und das mag ich.

Jöran: Also stimmt das auch für Songs wie, ach, ich komm gerade nicht auf den Namen, der Jailbird-Song?

Jeff: Ach, 'Chasing Ghosts'. Ja, das ist komplett aus meinem Leben.

Jöran: Das ist beeindruckend. Viele Leute verlegen sich ja doch mehr aufs Storytelling.

Jeff: Stimmt. Das ist auch gut und sehr talentiert. Ich kann das aber nicht. Ich habe das versucht, aber das klappt bei mir nicht. Ich hab schon ein bisschen die Sorge, dass ich keine Songs mehr schreiben kann, wenn ich alles verarbeitet hab, was ich bisher erlebt habe.

Jöran: Naja, Du könntest ja dann über Deine Tour durch Russland schreiben.

Jeff: Ja, das könnte ich. Vielleicht schreibe ich auch was über Münster.

Jöran: Meine letzte Frage, ist auch ein wenig von persönlichem Interesse getrieben: Du bist zurück in Boston, Paul von den Landmines ist zurück...

Jeff: Ja, das stimmt!

Jöran: ...Tony Marston ist noch in Richmond. Ihr wart alle bei Boxingwater...

Jeff: Ja, richtig.

Jöran: ...aber es gibt keine Chance für eine Reunion.

Jeff: Wir haben ein onzert vor 2 Jahren gespielt, werden vielleicht demnächt noch eins spielen.

Jöran: Aber die Band kommt nicht zurück?

Jeff: Nein, das denke ich nicht. Wir sind alle zu verstreut. Wir werden alle älter, ein paar von uns haben Kinder und Häuser, wieder andere reisen in der Welt rum und machen Musik. Ich würde es lieben. Boxingwater war eins der großartigsten Dinge, die ich je gemacht habe.

Autor: Jöran Kuschel

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