Happy Birthday - New Model Army, bleib wie du bist!

Indie-Legenden feiern 30 jähriges Band-Jubiläum

Konzertbericht: New Model Army - Berlin, Huxleys Neue Welt, 27.11.2010

Der 30. Geburtstag ist ein ganz besonders runder. Und er will entsprechend gefeiert werden, von jungen Erwachsenen und offenbar auch von Indie-Legenden. So kam es, dass New Model Army am 27. und 28. Nov. 2010 in der Hauptstadt zu einer großen Geburtstags-Sause luden. Kaum verändert, dennoch lebendig! feierten 30-jähriges Jubiläum im Berliner Huxleys.

Geschenke wurden auch verteilt, und zwar gegenseitig: Die Band spielte zwei Abende in Folge jeweils ein balladeskes Eröffnungs-Set sowie ein gewohnt erdiges Haupt-Set – ohne dabei auch nur einen Song zwei Mal zu spielen – und brachte in über vier Stunden (!) Netto-Spielzeit die Halle kräftig zum Beben.

Die Fans hingegen kamen derart zahlreich, dass sie Sullivan & Co. mal wieder ein Gastspiel in einer der größeren Konzerthallen Berlins bescherten. So fühlte man sich in alte Tage zurückversetzt, als reihenweise 3000er-Hallen auf dem Programm standen und NMAs Breitwand-Sound mit seinen getragenen Synthesizern und den wuchtigen Drums mittels imposanter Lightshow und großen Gesten gebührend in Szene gesetzt wurde. Und wieder einmal fiel auf: Das steht dieser Band unverschämt gut!

Im normalen Tour-Alltag beginnen die Konzerte in der Regel ja mit den Songs der neuen Scheibe. Ist auch verständlich, denn egal wie viele Jahre schon auf dem Rock’n’Roll-Buckel lasten, die Künstler sind stolz wie Bolle auf ihr neues Werk und wollen das zum Ausdruck bringen (und sich nebenbei von der Oldies-Night abgrenzen). Das Publikum hingegen ist entweder angetan, oder erträgt diese Zeit höflich klatschend, bis endlich die alten Nummern gebracht werden.

So war dieses Konzert nicht. NMA nutzten die Außergewöhnlichkeit des Events und gaben von Beginn an die alten Evergreens zum Besten. Los ging’s mit Sullivan, seiner Akustikgitarre und der Song-Perle „Family Life“ vom 1989er Thunder & Consolation-Album. So manch ein altgedienter Fan (und bei NMA besteht das Publikum in der überwiegenden Mehrheit aus altgedienten Fans) wird sich bereits da ein seliges „Schön, dass ich das noch (einmal) erleben darf!“ gedacht haben.

Und eben jenes Gefühl ließ sich dann auch die folgenden 2 Abende und 4 Setlisten nicht mehr abschütteln. Als beim ersten Haupt-Set die Gitarren lauter und die Beats schneller wurden, da zeigte die Band lehrbuchhaft, wie man ein Publikum im Sturm erobert: Over The Wire, Vengeance und White Light hießen die Opener, die jegliche Anfangs-Coolness hinwegfegten und Fans jenseits der Dreißig zu hüpfenden Twens mutieren ließen. Dieser Anblick sollte sich auch nicht mehr ändern.

Dem Anlass gebührend zeigten sich NMA in der Folge in bester Spiellaune und gaben über beide Abende verteilt (fast) alle Hits aus guten alten Indie-Disko-Tagen zum Besten: Vagabonds, Here Comes The War, Purity, Green & Grey, 51st State, Vengeance, Stupid Questions, No Rest und und und – lediglich auf das famose „225“ wartete die Menge vergeblich. Als i-Tüpfelchen gab’s oben drauf so manche Nummer, die weniger bekannt und seltener gehört sein dürfte: Drummy B, Betcha, Christian Militia und Higher Wall ließen nicht nur Army-Enthusiasten mit der Zunge schnalzen.

Zudem schüttelten NMA, so ganz nebenbei und als wäre es ein leichtes. reihenweise Lieder aus dem Ärmel, die in beeindruckender Art und Weise vor Augen führten, welch schier unendliches Song-Repertoire sich diese Band über die Jahre erarbeitet hat: Lovesongs, Heroes, Fate, Wonderful Way, You Weren’t There, The Ballad of Bodmin Pill, um nur ein paar wenige exemplarisch zu nennen. „All killer, no filler“ - wo manch eine Band schon während 60 Minuten überfordert ist, da setzten NMA mal eben noch dreieinhalb Stunden oben drauf. Was für eine beeindruckende Darbietung! Army-Fans benötigen definitiv einen Mp3-Player mit großem Speichervolumen.

Doch so sehr die Fan-Seele mit den alten Evergreens beglückt wurde, eine Oldie-Night war's dennoch nicht. Vor allem die Songs der letzten beiden Alben kamen gebührend zum Zug und siehe da: Früher war eben doch nicht alles besser. Today Is Good Day, Autumn, High, One of The Chosen und Wired reihten sich nahtlos ein und zeigen eindrücklich, dass diese Band noch viel zu sagen und noch lange nicht fertig hat. Ebenso so wenig wie ihre Anhänger. Müdes Klatschen? Gemütliches Schunkeln? Nix da. Die Band spielte famos auf und die Menge machte Stimmung bis die Decke vibrierte – was im Huxley’s durchaus wörtlich verstanden werden darf.

Und so war es ein grandioses Doppel-Konzert, das nicht nur wegen des runden Geburtstags in bester Erinnerung bleiben dürfte. Gegen Ende gab es dann sogar noch philosophisches, als Sullivan das Publikum wissen ließ: „If you don’t change you’re dead.“ Komisch eigentlich, denn von der einen oder anderen Nuance mal abgesehen, ist sich diese Band stilistisch weitestgehend treu geblieben. Dennoch präsentierte sie sich äußerst vital – zur Freude aller. Happy Birthday New Model Army, bleib wie du bist!

Autor: Ingo Schmidt

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