New Model Army rocken mehr den je

Justins Jungs zeigen es beim Tour-Stop in Münster

Konzertbericht: New Model Army - Münster, Jovel, 23.11.2009

Um es hier mal gleich vorweg zu nehmen, ich habe New Model Army schon lange nicht mehr so gut gesehen, wie letzte Woche im Münsteraner Jovel. Herr Sullivan und seine Kumpanen haben so etwas von gerockt, dass sich da so manche Jungspund-Band von heute 'ne Scheibe abschneiden kann. Aber zunächst war ein ganz weltliches Problem zu lösen.

Wo parken und wie mit trockenem Arsch ins Jovel kommen?

Zweites Problem konnte wenigstens zur Hälfte gelöst werden und diese Hälfte war meine Frau und Ihre Kamera, einfach vor dem Jovel aussteigen lassen. Ich durfte dann durch das Sodom-und-Gomora-artige Unwetter fast von der Sputnikhalle ins Jovel warten. Klatsch nass und mit verbogenen Schirm ging dieser ewig dauernde Weg dann doch zu Ende. Da -Konzerte immer auch kleine Familientreffen sind, waren noch einige häufig zu sehende und einige seltenere Gesichter zu begrüßen.

Als Winston aus Wuppertal loslegten, war es dann vorbei mit dem "hey und hallo". Die Drei sind quasi die oben erwähnten Jungspunde und durften, nachdem sie in diesem Sommer schon einmal den Support bestreiten konnten, nun für eine gesamte Tour ran. Ein nicht unbegründeter Vertrauensbeweis, denn spielerisch sind die Jungs echt nicht schlecht. Für eine Dreier-Combo machen Winston ordentlich Dampf auf der Bühne. Sänger und Gitarrist David Eickmeier singt recht variable und hat ein ordentliches Grunge-Rotz-Organ. Musikalisch sind die Wuppertaler genau so schwer in Schubladen zu stecken wie NMA selbst, irgendwo zwischen Rock, Grunge, Punk oder Progressiv.

Ich bin zwar immer der Erste, der sich über Schubladen-Denken beschwert, aber bei Wilson schwanke ich je nach Song zwischen Profillos und geniale Mischung, echt schwer zu fassen. Mal geht mir das Gitarren-Geschrammel auf die Nerven, dann wieder bin ich begeistert von Thorbens Schlagzeugspiel. Ein paar Songs später ist es genau umgekehrt. Das Publikum ist dankbar und applaudiert artig, sind halt -Fans, "fair" aber trotzdem auf den Haupt-Act fixiert. Fair war auch die Länge des Support-Slots, nach gut 50 Minuten verabschiedeten sich die 3 mit einem Blast an Gitarrengejaule, Bassläufen und Schlagzeugsolis, insgesamt gut gemacht Basti, David und Thorben.

Nach einer "kurzen" Umbaupause und einem echt ewig dauernden Line-Check durfte der Abend für den gemeinen Army-Fan richtig beginnen. "States Radio" vom neuen Album "Today is a good day" machte den Anfang und da war sie gleich wieder, die gleiche Begeisterung, die ich beim Hören des Albums hatte. NMA sind wieder eine Rockband mit extrem offensiver Spielfreude geworden. Okay, ich war schon immer von Live-Auftritten der Band aus Bradford fasziniert, aber im Moment toppen sie bei mir alles, was ich in den letzten 22 Jahren von der Band gesehen habe.

Dass mit Marshall Gill gitarrenlastigere Zeiten bei den Briten angebrochen sind, zeigt auch die weitere Abfolge der Setlist, erst mit dem 6. Song "Peace is Only" wurde ein Gang zurück geschaltet. Lange nicht gehört und von mir begeisternd aufgenommen "The Charge" von der 87er White-Coast-EP. Es ist schon erstaunlich, wie viele Songs diese Band aus ihren Ärmeln schütteln können und trotzdem erkennt man sie nach 2-3 Takten und kann mitsingen. Beim nun folgenden Block aus 5 Songs vom neuen Album, mit meinen persönlichen Höhepunkten "Mambo Queen Of The Sandstone City", "Today Is A Good Day", dreht Justin Sullivan mächtig auf und hetzt wie ein Derwisch über die Bühne, angeheizt von Marshall neben ihm und falls Dean White mal Gitarre gegen Keyboard tauscht, fügt er sich nahtlos in die Saitenfraktion ein.

Stand die erste Hälfte des Gigs noch im Zeichen der "Today is a good day"-CD gab es im zweiten Part einiges mehr an nostalgischen Momenten. Ein Höhepunkt hierbei das 89er Stück "Vagabonds", unglaublich wie Marshall den ursprünglichen Geigenpart mit verzerrter Gitarre und in Tremolo-Technik imitiert. Schön auch, wie die meisten Fans zunächst andächtig lauschten bis zu dem Punkt, als die Vagabonds-Melody sauber erkennbar war, das Raunen und der Jubel danach kann einem echt Putenpelle machen.

Justin Sullivan der Kopf der Band scheint diesen Abend auch so richtig zu genießen. Besonders die Pausen zwischen einigen Songs, in denen das Publikum ziemlich ruhig wurde, amüsierten ihn. "Silence in the middle of a rock gig - strange". Ansonsten waren ruhige Momente sehr spärlich gesät, denn Justin und Co gaben vom Beginn bis zum Ende ordentlich Gas. So richtig ruhig wurde es erst beim letzten Song, nach über 100 Minuten, 2 Zugaben zu je 2 Songs, bei "Green and Grey". Der Klassiker war ein würdiger Abschluss für einen Konzertabend mit einer Band, die nächstes Jahr ihr 30jähriges Jubiläum feiern wird. Das Set war vor diesem Hintergrund sehr ausgeglichen; mit einigen Songs vom letzten Album, dann einige der bekannten Hits aus den letzten 3 Jahrzehnten und als Bonbon für die zahlreichen Dauer-Gäste 2 Schmankerl mit "The Charge" und "Lurhsstaap". Mich erstaunt diese Band jedes Mal, seit ich sie 1987 zum ersten Mal sehen durfte, damals noch mit einem Bein in der Punk-Schublade, später gab's mal den Folk-Rock-Stempel oder das "letzte Hippies"-Zertifikat. Egal wie man diese Band versucht zu charakterisieren, irgendwie bleibt seit 30 Jahren immer nur Eines hängen: machen New-Model-Army-Rock für New-Model-Army-Fans, die nach jedem Konzert glücklich die Halle verlassen.

Autor: Frank Reins

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