New Model Army - Today Is A Good Day

New Model Army - Today Is A Good Day

Als ich das 11. Sudio-Album der in mein Notebook geschoben hatte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen und das meine ich nicht im übertragenen Sinn. Ich habe erstmal geschaut, ob nicht von einer MySpace- oder LastFM-Seite ein Player mit irgendeiner Metal-Combo der guten neuen NMA ein paar extra Gitarren unterjubeln will.

Aber nix da. Das gehört tatsächlich zum Titelsong des neuen NMA-Albums "Today Is A Good Day". Um mal hier gleich ein paar Sachen klarzustellen; ich bin seit Mitte der 80er ein riesiger Fan von dem, was Justin Sullivan so auf die Beine stellt. Es gab Zeiten, da habe ich mir den Arsch aufgerissen, um die Jungs irgendwo in Europa live spielen zu sehen. Aber nach den letzten Platten war ich immer wieder enttäuscht, nicht von den Konzerten — deren Atmosphäre ist unschlagbar — aber von den Alben. Es ist schwer zu beschreiben, was mich an den letzten Alben störte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die ganze Musik nur noch dafür da ist, Justins genialen Lyrics zu untermalen, ihnen eine Daseinsberechtigung zu geben, oder krass ausgedrückt: "ein reines Poetry-Album" zu verhindern. Natürlich gab es auch auf den letzten 4-5 Alben großartige Ausnahmen, die mich heute noch flashen, z.B. "You weren't there", eines der besten NMA-Stücke überhaupt.

Aber, genug gejammert und um es vorwegzunehmen; für mich ist dies das beste Album, dass die britische Ur-Indie-Band in den letzten Jahren auf den Markt gebracht hat! Ich weiß nicht, was da klick gemacht hat, ob es nur an mir liegt, ob mit Justin Sullivan etwas passiert ist oder ob es an "neu"-Gitarrist "Marshall Gill" liegt, keine Ahnung.

Gleich der oben erwähnte Titelsong zum Beginn des Albums ist ein echter Hammer. Werden im Intro noch ein paar Wall-Street-Nachrichten-Meldungen des letzten Börsen-Crashs gesampelt, taucht auf einmal ein Gitarrensound auf, bei dem so manche Thrash-Metal-Band neidisch würde. "Marshall Gill" scheint in der NMA angekommen zu sein. Beim letzten Album "High" war er zwar auch schon Teil der Band und auch beim Songwriting war er wohl schon involviert, aber offensichtlich wird sein Einfluss erst jetzt hörbar.

Live konnte man Marshalls Fähigkeiten ja schon öfter bewundern, immerhin bescherte seine Anwesenheit den Fans ein Live-Revival des 89er Stücks "Vagabonds", dessen damaliges E-Geigen-Intro, heute von Mr. Gill auf der Gitarre unnachahmlich "kopiert" wird. Ich habe selten einen Gitarristen auf einer Bühne so "hart arbeiten" sehen. Zurück zum Song, "Today Is A Good Day" handelt, wie das Intro vermuten lässt, vom Wall-Street-Chaos und der zum Teil ironisch, teils ehrlich gemeinte Titel wird als Refrain in Justin Sullivans unnachahmlich wütenden Art hinaus geschrien. Hier greift dann der passende Sound von Marshalls Gitarren und unterstreicht die Wut. Es passt einfach zusammen, Sound, Gesang und Emotion bilden die bei NMA so typische aber auch so oft vermisste Einheit. Ich hoffe man kann nachvollziehen, was ich meine! Erinnert mich ein wenig an "The World" oder "White Coats".

Autumn ist einerseits ein typischer NMA-Akustik-Gitarren-Song mit einigen schönen melodischen Parts, andererseits ist fast der ganze Song mit Marhalls heulender Gitarre hinterlegt. Aber es passt irgendwie. Der Refrain "Everything ist beautiful, because everthing is dying" animiert dabei immer wieder zum mitsingen. Anscheinend ging es der Band selbst sogar ähnlich, denn die letzten Refrain-Wiederholungen enden in einem kleinen Chor. Für einige Hörer bestimmt grenzwertig, aber wie so häufig beim Bandkopf aus Bradford: "Es passt mal wieder zum Song".

Mit "Peace is only" gibt's gleich einen weiteren Song mit Hit-Potential. Schön groovender Bass während des ganzen Songs, toller Bass-Solo-Part zur Mitte. Dann aber nur noch "Peace is only for the dead dying"-Wiederholungen in diversen Variationen bis zum Schluss. Bei den ersten malen Hören ist so etwas ja noch spannend, aber heute habe ich mich schon beim Skipen erwischt.

Song 4 - "States Radio" - auch geil, wieder rockig. Dann aber mal etwas anderes, "God Save me" eine relativ NMA-untypische Ballade, ohne Akustik-Gitarre. Justins Stimme ziemlich clean und puristisch, irgendwie wie eine akustische Fotomontage, bestimmt ein Song, der mit der Zeit interessanter wird.

"Disappeared", 1A-Klasse Rock-Refrain, dazwischen groovender Bass und treibendes Schlagzeug. Zwischen den Refrains wirkt Justin in NMA-typischer Storyteller-Manier. Der Song hat ein paar richtig tolle Momente, schade dass mir bis jetzt die Lyrics fehlen. Warum hier als nächstes der Song "Ocean Rising" nochmals als NMA-Studio-Version auftaucht, wo der Song doch schon seit 2003 existiert? Keine Ahnung, aber verdient hat es dieses Stück alle mal, allein schon wegen den grandiosen letzten 1 1/2 Minuten. Wer allerdings diesen Song mag, sollte sich dringend die Akustik-Version vom "Justin and Friends"-Album besorgen, die ist nicht zu toppen.

"Mambo Queen Of The Sandstone City" - unglaublicher Titel, nicht nur wegen der Benennung. Nach dem Titelsong mein absolutes Highlight! Dass ich nochmal so etwas von Justins Army hören darf! Bestimmt der am härtesten gespielte Refrain seit "Here Comes the War". NMA wird 'ne richtige Rock-Band, bin gespannt darauf diesen Song live zu hören (und dann mit Speedy in den Pit ;-) ).

Spätestens jetzt gehört "Today Is A Good Day" zu den besten der 11 -Alben. Der Vollständigkeit halber aber noch die restlichen Songs: "La Push", Low-Tempo-Song, aber keine Ballade. "Arm Yourselves & Run", melodischer Song mit Hymnen-Charakter. Wieder absolut klasse Gitarrenarbeit und über Nelsons groovenden Bass, muss ich ja nichts schreiben. Ein Song, den auch Fans der älteren NMA-Songs mögen werden, erinnert mich melodisch ein wenig an "1984" von der "The Price"-Maxi. "Bad Harvest", ein weiterer rockiger Song.

Beendet wird das Album mit dem 12. Stück "North Star", einziger Song, der nach dem Tod ihres langjährigen Managers geschrieben wurden und definitiv eine Hymne an Tommy Tee: "The best man I ever sailed with". Wunderschön, eigentlich der einzige Song in dem keines der Instrumente hervorsticht. Bass, Gitarre, Keyboard und Stimme bilden klasse Harmonien und drücken nacheinander gemeinsam dem Song ihren Stempel auf. Als ob sich hier jeder der Band von Tommy verabschieden wollte. Vielleicht das größte Stück dieses Albums.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht alle Songs einzeln beschreiben, aber irgendwie macht mir diese CD so viel Spaß, dass ging einfach nicht anders und der geneigte NMA-Fan möge mir den einen oder anderen Song-Vergleich verzeihen. Es sind ja meist nur ein paar kleine Song-Momente, die einem an ältere Songs erinnern.

Fazit: Wesentlich härter als die letzten Scheiben, richtige Rockmusik, reichlich Gitarrenarbeit, trotzdem typisch Justin Sullivans , mit sehr vielen Emotionen die geschickt rübergebracht werden. Alten Fans wird's gefallen, aber "Today Is A Good Day" ist endlich eine CD, mit der man auch mal wieder junge Fans gewinnen könnte. Ein Album mit einer für NMA untypisch kurzen "Einhörzeit".

Schade, dass ich noch keinen Lyric-Flyer hatte, aber für mich ein Grund am 18. September bei meinem lokalen Plattendealer auf der Matte zu stehen.

Autor: Frank Reins

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